17 März 2016

Bericht „AIESEC Alumni im Gespräch: Myanmar“ mit Oliver Neu, Frankfurt, 17.03.2016


Zu den beliebten Themen bei den AIESEC Alumni im Gespräch (AAiG) zählen Einblicke in andere Länder und das dortige Leben und Arbeiten. Und spannend ist es natürlich, mehr über die AIESEC Arbeit in diesen Ländern zu erfahren.

Nachdem bereits Mahmood Nisar 2014 bei den AAiG über den Aufbau von AIESEC in Afghanistan berichtet hatte, konnten wir mit Oliver Neu einen der Gründungsväter von AIESEC Myanmar, dem jüngsten AIESEC-Land, zu einem spannenden Abend begrüßen.

Oliver hat nach seiner AIESEC-Zeit in Mannheim und Frankfurt von 2011 bis 2014, wo er übrigens als LC-Vertreter bereits an einem AAiG teilgenommen hatte, und nach einem Praktikum in Vietnam nach einer spannenden Aufgabe in Asien gesucht. Und da der Aufbau von AIESEC in Myanmar vor zwei Jahren mitten in der politischen Öffnung des Landes nur eine vage Idee war, hat sich Oliver mit einem österreichischen AIESECer an die Arbeit gemacht.

Der Abend begann mit einer kleinen Landeskunde, denn in Deutschland fällt den meisten Menschen zu Myanmar lediglich die Friedensnobelpreis-Trägerin Aung San Suu Kyi ein. Dabei hat Myanmar eine sehr lange und vielschichtige Vergangenheit. Seit dem späten 19. Jahrhundert war das Land unter dem Namen Burma eine britische Kolonie. Allerdings setze sich das Land bereits damals aus sehr heterogenen Regionen zusammen, seine Grenzen waren ständigen Änderungen ausgesetzt, und es umfasste verschiedenste ethnische Volksgruppen. Nach kurzer aber grausamer Besetzung durch Japan im zweiten Weltkrieg gelang 1948 die Unabhängigkeit von Großbritannien. In den fünfziger Jahren war Myanmar ein führendes Land in Südost-Asien mit sehr guter Bildung, starker Infrastruktur (vor allem Häfen und der Flughafen von Rangoon/Yangon) und Wohlstand.

Aber bereits damals bereitete der Charakter eines Vielvölkerstaats mit zersplitterter politischer Macht und teilweise eigenen regionalen Armeen und Warlords große Probleme, die 1962 in einen Militärputsch mündeten. Darauf folgte die Einführung des Sozialismus mit Enteignungen, politischer Verfolgung und einer Isolierung des Landes, ähnlich wie in Nord-Korea. Erste Demokratisierungsversuche ab 1989 unter Aung San Suu Kyi mit einem großen Wahlerfolg in 1990 wurden blutig unterdrückt und mit harten Strafen belegt. Erst vor wenigen Jahren begann ein Öffnungsprozess, deren erste Stufe eine neue Verfassung und Wahlen in 2010 waren. Die Dynamik gewann an Fahrt und mündete in den ersten wirklich freien Wahlen Ende 2015 mit deutlicher Stimmenmehrheit für Aung San Suu Kyi’s Partei NLD, auch wenn 25% der Parlamentssitze weiter für die Militärs reserviert sind, die damit eine Sperrminorität haben.


Zwei Tage vor dem AAiG wurde am 15. März 2016 mit Htin Kyaw ein Vertreter der NLD als erster demokratischer Präsident Myanmars vereidigt. Trotz großer Aufbruchsstimmung ist die Lage im Land weiterhin schwierig. Viele Teile des Staatsgebietes, das etwa zweimal so groß wie Deutschland ist, stehen weiterhin unter der Kontrolle von Rebellen, auch China als Nachbarn mischt in diesem Bürgerkrieg aus geopolitischen Gründen mit. Ein weiteres Problem entsteht durch die religiöse Vielfalt in dem Land, wo radikale Buddhisten mittlerweile offen zur Verfolgung von Moslems aufrufen. Durch diese Gewaltkonflikte sind schätzungsweise ein bis zwei Millionen Burmesen innerhalb des Landes auf der Flucht. Auch die Wirtschaft wird weiterhin von Militärs und ihren Angehörigen kontrolliert.


Oliver beschrieb die Besonderheiten des Lebens in Myanmar ebenso wie die ersten Schritte des Aufbaus von AIESEC im Land. Dazu zählt insbesondere die Rolle der buddhistischen Mönche in Myanmar, die auch führende Rollen bei früheren Demokratisierungsversuchen gespielt haben. Mönche gelten als etwas Besonderes in Myanmar und werden vielfältig von der Bevölkerung durch Essensspenden und ähnliches unterstützt. Dabei werden viele Menschen nur für eine Zeitlang Mönche, was eine große Ehre für ihre Familien ist. Tatsächlich war Oliver auch für drei Tage Mönch und erzählte eindrucksvoll von dieser Zeit, die durchaus entbehrungsreich war, allerdings nicht beim Essen . Aber gerade die Meditation war sehr spannend und einprägsam..


Die Mönche spielen eine große Rolle in der Bildung, weil die staatliche Bildung in den letzten Jahrzehnten völlig versagt hat und Myanmar heute das Land mit der höchsten Analphabeten-Quote in Südost-Asien ist. Daher haben die Mönche viele Schulen gegründet. Und genau dort haben Oliver und sein Mitstreiter auch bei der Pionierarbeit für AIESEC im ersten Schritt angesetzt, denn aus diesen Schulen rekrutieren sich die Studenten der privaten Universitäten, wo dann auch die ersten AIESEC-Projekte gestartet sind. Oliver schilderte die Mönche als sehr kontaktfreudig und besonders dankbar für einfache Unterstützung wie z.B. Englisch-Unterricht. Auf dieser Basis, unterstützt durch Kontakte von Burmesen in Deutschland als Türöffner, begann langsam die AIESEC-Arbeit. Oliver schilderte eindrücklich die Herausforderungen. Von einem eigenen Büro konnte man nicht einmal träumen und WLAN gab es nur in den Lobbys der Luxushotels. Auch die Korruption behinderte die Arbeit, allerdings ist dieses Problem angesichts der neuen Politik auf dem Rückzug. Überhaupt ist laut Oliver die Geschwindigkeit der Veränderungen massiv. Vor zwei Jahren gab es noch Blockwarte und eine starke Kontrolle der Ausländer. Dagegen sind Internet und Mobiltelefone heute zu geschätzt 80% verbreitet.


Die ersten Praktikanten waren „offiziell“ nur heimlich als Touristen im Land. Heute werden Visa jedoch entspannter gesehen. Dagegen ist es weiter schwierig, lokale Studenten für ein Praktikum im Ausland zu gewinnen. Das liegt nicht an der Bereitschaft der Studenten, die neugierig sind. Aber ihre Familien stellen sich oftmals dagegen aus Angst, dass ihre Kinder im Ausland verdorben werden. Diese Folgen der jahrzehntelangen Isolierung werden sich vermutlich nur langsam auflösen.


Mit einem gemischten Ausblick, d.h. rapider wirtschaftlicher Entwicklung auf der einen, aber Bürgerkrieg und Macht der Militärs auf der anderen Seite, schloss Oliver die Vorstellung Myanmars. Im gesamten Verlauf war das AAiG von angeregten Nachfragen und Diskussionen geprägt. Nach zwei Stunden konnte der Abend mit weiteren Gesprächen in der Lobby bei einem Blick auf die nächtliche Skyline Frankfurts fortgesetzt werden.
Wir danken Oliver nochmals ganz herzlich für seine Ausführungen, die den 20 Teilnehmern einen tieferen Einblick in ein spannendes Land im Aufbruch gegeben haben.