19 April 2016

Bericht „AIESEC Alumni im Gespräch: Nichts Neues im Osten?“ mit Hansi Chopra, Frankfurt, 19.04.2016

Zu den beliebten Themen bei den AIESEC Alumni im Gespräch (AAiG) zählen Einblicke in andere Länder und das dortige Leben und Arbeiten. Und besonders spannend ist es, wenn Hansi Chopra, ehemals im LC Freiburg und MCP/NCP AIESEC Deutschland, über Russland berichtet. Denn bereits die beiden AAiGs mit ihm in 2013 und 2014 haben in bewegten Zeiten einen beeindruckenden Einblick in die russische Seele und das Leben vor Ort gegeben.

Fast auf den Tag vier Jahre nach dem allerersten AAiG konnten wir Hansi, wieder in der 22nd Lounge in Frankfurt begrüßen. Das AAiG „Nichts Neues im Osten?“ stellte gleichzeitig auch ein Jubiläum als die zwanzigste Veranstaltung der Reihe in Frankfurt dar.

Hansi berichtete zuerst von seiner neuen Aufgabe als Generaldirektor der Sachversicherungssparte von Sberbank. Die größte russische Bank mit 120 Millionen Individualkunden und einer Million Geschäftskunden in Russland, ähnelt eigentlich deutschen Sparkassen, auch dank des mehrheitlichen Staatsbesitzes. Tatsächlich aber hat die Bank in der letzten Dekade, nicht zuletzt unter ihrem Vorstandsvorsitzenden Herman Gref, dem ehemaligen Wirtschaftsminister, einen massiven Wandel von einer Behörde zu einem kundenorientierten und innovativen Finanzdienstleister durchlaufen. In diesem Umfeld kann Hansi seit der Lizenzerteilung im Oktober 2014 von Null an, also wie ein Start-up, eine Sachversicherungssparte aufbauen. Dabei kann er uneingeschränkt neue Wege bei der Produktkonzeption und den Distributionswegen gehen, was ein deutlicher Unterschied zu seinem früheren Arbeitgeber Allianz Rossno ist.

Zu den großen Überraschungen des Abends gehörten sicherlich Hansis Schilderungen einer lebhaften Start-Up-Szene in Russland, nicht nur in Moskau, sondern auch in anderen russischen Städten. Für Omsk und Tomsk wurde dies von den ehemaligen LCPs Ilya und Natalia, als AIESEC Alumni auch Teilnehmer dieses „AIESEC Alumni im Gespräch“, eindrücklich bestätigt. Die Beschreibungen erinnerten eher an Berlin oder das Silicon Valley und zeigten, dass Russland sich in vielen Feldern auf seine Stärken besinnt. Der große Unterschied zum Westen ist aber laut Hansi der Mangel an Venture Capital, obwohl viele der Start-Ups nur einen Bruchteil des Kapitals benötigen, dass im Westen investiert wird.

Viele der Teilnehmer waren auch schon bei den beiden letzten AAiGs mit Hansi in 2013 und 2014 dabei, daher gab es natürlich ein großes Interesse an der allgemeinen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage in Russland. Hansi knüpfte hier nahtlos an. Im Vergleich zu 2014 hat die Ukraine-Krise an Brisanz verloren, nicht zuletzt gibt es in anderen Konflikten wie Syrien eine mehr oder weniger gute Zusammenarbeit mit dem Westen. Auch der Kontakt zu den Amerikanern ist wieder sehr regelmäßig. Nur innenpolitisch und wirtschaftlich hat sich noch wenig geändert. Die Handelsrestriktionen, der niedrigere Ölpreis und der schwache Rubel treffen die russischen Bürger massiv, aber Hansi unterstrich wieder seine frühere Aussage über die Zähigkeit der Russen. Besonders ermutigend ist auch, dass die russische Bevölkerung keinen Hass gegen den Westen hegt. So fühlt sich Hansi als Ausländer in täglichen Leben überhaupt nicht diskriminiert. Allerdings glauben sich viele Firmen von Behörden schikaniert, was aktuell auch zu geringer unternehmerischer Initiative, sowohl von Russen als auch Ausländern führt.

Leider werden viele wichtige Reformen, gerade im wirtschaftlichen Bereich, aktuell blockiert, weil nach wie vor die Außenpolitik im Vordergrund steht. Aber angesichts der baldigen Duma-Wahlen gibt es hier für die Zeit große Hoffnungen.

Im Übrigen erinnerte Hansi an die früheren Aussagen zum Wesen der russischen Seele. Dieses Spannungsfeld von „Orientierung zum Westen“, „Slawophiler Ausrichtung“, „dörflichen Traditionen“ und „asiatisch-iranischen Einflüssen“ ist für Ausländer schwer verständlich, erklärt aber in der Regel die russischen Handlungen bestens.

Abschließend berichtete Hansi auch von den Aktivitäten der russischen AIESECer, denen er weiterhin als Kurator zur Seite steht. AIESEC Russland bleibt ein Fels in der Brandung, der in allen Bereichen weiterhin steigende Zahlen aufweist. Gerade auch die Leadership-Konferenzen erfreuen sich größter Beliebtheit. Wie wichtig diese für die Zukunft sind, zeigt sich laut Hansi auch in der Liste der aktuellen AIESEC Alumni in Russland, die vielmals in sehr wichtigen Funktionen in der Wirtschaft und auch Politik aktiv sind.

Im gesamten Verlauf war das AAiG von angeregten Nachfragen und Diskussionen geprägt. Nach zwei Stunden konnte der Abend mit weiteren Gesprächen in der Lobby bei einem Blick auf die nächtliche Skyline Frankfurts fortgesetzt werden.

Wir danken Hansi nochmals ganz herzlich für seine Ausführungen und seine Updates zu Russland. Und natürlich auch für seine Bereitschaft, das AAiG dem DFB-Pokal-Halbfinalspiel „seiner“ Bayern vorzuziehen, deren Sieg den gelungenen Abend gut abrundete.