13 November 2015

Bericht „AIESEC Alumni im Gespräch: Wohin wendet sich die Energiewende“ mit Walter Cammann, Frankfurt, 29.10.2015


Spätestens seit dem tragischen Reaktor-Unglück von Fukushima ist in der deutschen Energiebranche nichts mehr so, wie es einmal war. Das Thema „Energiewende“ mit Schlagworten wie „Atomausstieg“, „Versorgungssicherheit“ oder „Neue Überlandleitungen“ beherrschte nicht nur lange Zeit die Schlagzeilen in den Medien, sondern betrifft auch jeden Einzelnen als Stromverbraucher. Daher haben wir uns sehr gefreut, mit Walter Cammann einen exzellenten Referenten für das Thema „Energiewende“ für die AIESEC Alumni im Gespräch gewinnen konnten, zumal er schon regelmäßig als AAiG-Teilnehmer mit dabei war.

Nach seiner Zeit im AIESEC LC Göttingen von 1976 bis 1981 begleitet Walter die Energiebranche seit mehreren Jahrzehnten als M&A Banker, aktuell als Chairman Energy & Power Sector für das Global Financial Advisory der Rothschild GmbH.

Walter startete seine Ausführungen mit der simplen Feststellung, dass der Begriff „Energiewende“
nicht ganz neu sei. Tatsächlich ist die „aktuelle“ Energiewende für Walter und viele
andere von uns bereits die dritte! Die erste Energiewende erfolgte bereits im Jahr 1998, als die
sogenannte Marktliberalisierung des Strommarktes die seit 1935 geltende Marktordnung mit
Anschluss- und Benutzungszwang für die Verbraucher und Versorgungsauftrag für die Erzeuger
in einem komplett preisregulierten Strommarkt ablöste. In der Liberalisierungsstufe
wurde zwar der Strompreis dem Wettbewerb freigegeben, allerdings verschoben sich in der
Folge die Gewinne in das verbliebene Stromnetzmonopol. Daher wurden ab 2005 die Netze
re-reguliert, um Monopolgewinne bei der Durchleitung zu beschränken. Ab 2000 begann mit
dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die dritte Energiewende mit der massiven Förderung
von erneuerbarer Energieerzeugung mit den neuen Kraftstoffen Wind, Sonne und Biomasse,
die alle mit dem mehrfachen des Strompreises gefördert werden. Hinter diesem Plan
steht nicht nur der heute primär wahrgenommene Ersatzbedarf für abzuschaltende Atom- und
Kohlekraftwerke, sondern auch die Selbstverpflichtung Deutschlands in Bezug auf die deutliche
Reduzierung der CO2-Emissionen mit Meilensteinen in 2020 und 2050. Interessant war
hier auch Walters Feststellung, dass Deutschland mit seinen Klima-Zielen über die in der EU
veranschlagten Emissionsreduzierungen hinaus ragt, und erst recht im Vergleich zu anderen
wichtigen Industrie- oder Schwellenländern.

Im weiteren Verlauf des Abends führte Walter viele Entwicklungen des EEGs im Detail aus.
Er beschrieb den massiven Ausbau der Energieerzeugungskapazität durch die mit erneuerbaren
Kraftstoffen Wind und Sonne getriebenen Kraftwerke, die stets mit Garantiepreisen und
Liefervorrang ausgestattet sind. So stieg die gesamte installierte Leistung von 121 GW im
Jahre 2000 auf aktuell 197 GW. Laut Plan soll sie sogar bis 2035 auf 259 GW ansteigen. Der
Anstieg kommt fast ausschließlich aus dem Zubau von regenerativen Anlagen, deren Anteil
von 9% in 2000 (11 GW) auf 46% in 2015 (90 GW - jeweils zu ca. 40% Solar und Wind) und
bis auf 68% in 2035 (176 GW) ansteigen soll. De facto wird also ein Vielfaches der stillzulegenden
Nuklearkapazität (noch 22 GW) an regenerativer installierter Leistung neu geschaffen!
Dadurch wurde ein Verdrängungswettbewerb von Kraftwerken entfacht, der die Strompreise
mehr als halbiert hat, denn die Energienachfrage ist nicht mit dem Zubau einhergegangen,
sondern hat sich in Deutschland in den letzten 10 Jahren sogar Dank vielfältiger Energieeinsparmaßnahmen
reduziert. In diesen Zahlen müssen natürlich die Stillstandszeiten bei Solar
und Windkraft berücksichtigt werden, also wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht.
Die Endverbraucher können allerdings von diesem Preissturz wenig profitieren, da sie ja die
Zeche über die EEG-Umlage (2014: € 22 Mrd.) zahlen müssen. Dieser Preiseinbruch wird
zunehmend auch ein Existenzproblem für die großen Energieversorgungsunternehmen
(EVU).

Das sind die Eigentümer der konventioneller Kraftwerke, die so wirtschaftlich nicht mehr zu
betreiben sind. Davon zeugt die Abschaltung vieler Gaskraftwerke, denn Gas ist teurer als der
daraus erzeugte Strom. Paradoxerweise können die Kohlekraftwerke dank günstiger Importkohle
noch einigermaßen mithalten, auch wenn das den CO2-Bemühunegn Deutschlands diametral
entgegenläuft. Am schlimmsten sind aber die Betreiber der Kernkraftwerke von der
Energiewende durch die angeordnete frühzeitige Stilllegung durch die Bundesregierung nach
Fukushima betroffen. Die massive Verkürzung der Laufzeiten der Kernkraftwerke und der
Einbruch des Marktpreises für Strom hat zu deutlich niedrigeren Umsätzen und deutlich höheren
Rückbaukosten geführt. Die Frage der Zukunftsfähigkeit der betroffenen Unternehmen
lässt sich an der Entwicklung der Aktienkurse nur zu gut ablesen. Walter vertrat die Prognose,
dass die Lastenübertragung an diese EVU’s aus staatlich verordnetem Atomausstieg und
durch den vom EEG induzierten Kraftwerksverdrängungswettbewerb zu groß geworden ist.
Die zur Finanzierung der Energiewende benötigten Kapitalerhöhungen werden nicht mehr
von Privatkapital getragen werden - und deshalb müssen letzten Endes zur Rettung der betroffenen
Unternehmen die Öffentlichen Hände einspringen.

Als Exkurs nahm sich Walter auch das in der Öffentlichkeit höchst umstrittene Thema der
neuen, notwendigen Überlandleitungen an. Kein Bürger (und Wähler) möchte diese vor seiner
Haustür sehen und deshalb sollen weite Strecken nun unterirdisch verlegt werden. Diese aktuell
populäre Lösung birgt aber neben hohen Mehrkosten durch Vergrabung wegen des
unausgereiften Standes der Technik auch noch weitere völlig unkalkulierbare Risiken. Auch
sind die Auswirkungen auf die Tierwelt durch die Wärmeentwicklung der Kabel überhaupt
nicht geklärt und führen logischerweise auch zu Widerstand der Naturschutzverbände.

Abschließend bezog sich Walter auf die Finanzierung der Energiewende und unterteilte sie
recht einprägsam in die EnergieHINwende, also den Zubau der erneuerbaren Energiesysteme,
und in die EnergieWEGwende, also den vorzeitigen Rückbau und die Entsorgung der auf
atomaren und fossilen Energieträgern basierende Stromerzeugung. Er ist überzeugt, dass sich
die geschätzten HINwendekosten von € 200 Mrd. von privatem Kapital aufgebracht werden
können während die WEGwendekosten von weiteren € 100 Mrd. wohl letzten Endes im Wesentlichen
doch von der Öffentlichen Hand und damit von uns Steuerzahlern aufgefangen
werden müssen.
Im gesamten Verlauf war das AAiG von angeregten Nachfragen und Diskussionen geprägt.
Nach zwei Stunden mit engagierter Debatte konnte der Abend mit weiteren Gesprächen und
allgemeinem (AIESEC-) Plausch in der Lobby bei einem Blick auf die nächtliche Skyline
Frankfurts fortgesetzt werden.
Wir danken Walter nochmals ganz herzlich für seine Ausführungen, die den 24 Teilnehmern
einen sehr mit Fakten, Hypothesen und Prognosen versehenen und trotzdem unterhaltsamen
Einblick in das Thema „Energiewende“, von der wir alle betroffen sind, zu geben.