10 September 2016

Bericht „AIESEC Alumni im Gespräch: Fintechs im Spannungsfeld zwischen Digitalisierung und Regulierung“ mit Christoph Schlecht, Frankfurt, 14.09.2016

Für alle an den Finanzmärkten Interessierten ist das Thema „Fintechs“ ausgesprochen spannend, gehen doch von diesen neuen Marktteilnehmern aktuell die größten Impulse in der breiten Branche der Finanzdienstleister aus. Bereits im Vorjahr hatte Sven Wöhler, Vorstand bei S-Broker, einen exzellenten Einblick in das Thema gegeben. Daher haben wir uns sehr gefreut, mit Christoph Schlecht, Alumnus aus dem LC Frankfurt in den neunziger Jahren, einen weiteren Referenten zum Thema Fintechs gewonnen zu haben.

Christoph ist als Referatsleiter Strategieentwicklung und Projektleiter Fintech bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) der ideale Ansprechpartner für einen Aspekt, der zunehmend an Bedeutung gewinnt, nämlich das Spannungsfeld zwischen den disruptiven und fortschrittlichen Ideen der Fintechs einerseits und den Anforderungen der Regulierung andererseits darzustellen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde aller Teilnehmer und einigen Neuigkeiten und Terminankündigungen aus der Alumni-Welt begann Christoph mit seinem eigenen „AIESEC-Lebenslauf“, der ihn im LC Frankfurt auf verschiedene Vorstandsposten in den Bereichen Exchange und Finanzen führte.  Er umriss dann auch seinen eigenen beruflichen Werdegang über die Bankenwelt hin zur BaFin, wo Christoph heute als Leiter des Referats „Strategieentwicklung“ tätig ist. Das erste Projekt in dem Anfang 2016 neu geschaffenen Referat war das Fintech-Projekt.

Christoph begann seine Präsentation mit dem grundsätzlichen Hinweis auf die unterschiedlichen Sichtweisen auf Fintechs. Während für die Unternehmensgründer meist eher die technologischen Neuerungen und Möglichkeiten, wie auch die Wünsche von Nutzern und die daraus resultierenden Geschäftsmodelle im Vordergrund stehen, hat die BaFin v.a. die aufsichtlichen Tatbestände im Blick. Sehr interessant war auch der Verweis Christophs auf die unterschiedliche Herangehensweise der BaFin im Vergleich zum britischen Pendant FCA, die im Gegensatz zur BaFin auch ein Wirtschaftsförderungsmandat hat und im Rahmen von „Sandkastenspielen“ bestimmten Fintechs Sonderrechte einräumen kann. In Deutschland steht der Grundsatz „gleiches Geschäft, gleiches Risiko, gleiche Regel“ im Vordergrund – gepaart mit dem Prinzip der Proportionalität, so dass die genaue Ausgestaltung eines Geschäftsmodells sehr relevant für die Behandlung ist.

Die BaFin hat daraus die Schlüsse gezogen, als erstes eine umfassende Informations- und Ansprechbasis für Fintechs aufzubauen. Dazu zählt ein entsprechender Internetauftritt, der neben dem Angebot umfangreicher Informationen und erster FAQs auch Hemmschwellen seitens der Fintechs, oftmals ja Start-Ups, abbauen soll. Im Rahmen des überarbeiteten Internetauftritts wurde eine eigene Rubrik für „Unternehmensgründer und Fintechs“ geschaffen, wo gebündelte Informationen zu derzeit acht verschiedenen Kategorien abgerufen werden können, zu denen u.a. „Alternative Bezahlverfahren“, „Automatisierte Finanzportfolioverwaltung“, „Crowdinvesting und Crowdlending“, „Virtuelle Währungen“ gehören. In dieser Aufzählung ist das neue Thema „Insurtechs“, also Fintechs aus dem Versicherungsbereich, noch gar nicht enthalten, denn hier geht es bisher eher um Vertriebsfragen, die nicht unter die Aufsicht der BaFin, sondern in der Regel unter die Gewerbeordnung fallen.

Danach setzte Christoph zu einem Versuch der Definition von Fintechs an. „Versuch“ deshalb, weil die Teilnehmer mit wenigen Beispielen aufgezeigt bekamen, dass es weder eine saubere Legaldefinition, noch „den“ Prototypen eines Fintechs gibt. Je nach Definition gibt es alleine in Deutschland 250-500 Fintechs.

Im Folgenden beschrieb Christoph das BaFin-interne Netzwerk, wo die verschiedenen Fachbereiche wie Wertpapier-, Versicherungs- und Bankenaufsicht ebenso eingebunden sind wie der Bereich Internationales, der Verbraucherschutz und der Bereich für Grundsatzfragen zur Erlaubnispflicht. Nur so kann – auch angesichts der Themenvielfalt – die BaFin Anfragen von Fintechs möglichst schnell und umfassend beantworten.

Gerade das Thema „Verbraucherschutz“ darf aber auch bei Fintechs nicht unterschätzt werden. Punkte wie „Seriosität der Anbieter“, „Umgang mit Beschwerden“, „Kosten und Gebühren“, „technische Risiken“ und „Datenschutz“ sind essentiell und lassen keinen Spielraum für eine Art „Welpenschutz“ für Fintech-Startups, auch wenn diese aufgrund geringer Größe meist noch keinen Einfluss auf die Stabilität des gesamten Finanzmarkts haben dürften. Allerdings muss das  veränderte Kundenverhalten, Stichworte wie „online“ oder „Convenience“, ebenfalls berücksichtigt werden.

Die Auswirkungen auf die etablierten Finanzdienstleister war ein weiterer wichtiger Punkt des Abends. Die Herausforderungen durch stärkere Regulierung nach der Finanzmarktkrise, neue Marktteilnehmer, niedrige Zinsen, Kostendruck oder Digitalisierung verlangen Antworten. Auch gibt es viele spannende Entwicklungen, wie u.a. die Blockchain-Technologie, denen ein großes Potenzial zugesprochen wird, deren Auswirkungen aber noch nicht seriös abschätzbar sind. Gerade die Digitalisierung lebt von den Skaleneffekten, die umso bedeutender werden, je mehr sich ein System durchsetzt.

Abschließend skizzierte Christoph das weitere Vorgehen der BaFin, die den bisherigen Dialog mit Fintechs, der bereits sehr gutes Feedback und Kritiken bekommt, weiter ausbauen möchte. Dazu zählt auch eine Vertiefung des eigenen Wissens ebenso wie die Suche nach Antworten auf neue Regulierungsfragen.

Der gesamte Abend wurde von vielen Zwischenfragen begleitet und es ergaben sich vielfältige Diskussionen, zumal viele Teilnehmer selbst in das Thema Fintech involviert sind. Nach zwei spannenden Stunden endete die große Runde, aber der Abend wurde mit weiteren Gesprächen rund um Fintechs, AIESEC und Sonstiges in der Lobby mit Blick auf die nächtliche Skyline Frankfurts fortgesetzt.

Wir danken Christoph nochmals ganz herzlich für seine Ausführungen, die den 16 Teilnehmern einen tieferen Einblick in dieses spannende Zukunftsthema gegeben haben.