12 August 2015

Bericht „AIESEC Alumni im Gespräch: Fintech“, Frankfurt, 09.07.2015

Das Thema „Fintech“ geistert nicht nur durch das Silicon Valley, sondern natürlich auch durch die deutsche Finanzmetropole Frankfurt. Aber viele Menschen, auch AIESECer, können sich zum Teil wenig oder gar nichts darunter vorstellen.

Daher haben wir uns sehr gefreut, mit Jens Wöhler einen ausgezeichneten Referenten zu finden. Jens beschäftigt sich in seiner Rolle als Vorstand der S-Broker AG & Co. KG, dem Online-Broker der Sparkassenorganisation, vielfältig mit dem Thema, zumal S-Broker bereits viele Kooperationen mit Fintech-Firmen eingegangen ist. Nach seiner Zeit als LCP in St. Gallen und Vorstand im MC/NC von AIESEC Schweiz hat Jens viele Erfahrungen im Strategiebereich von Finanzdienstleistern gesammelt, bevor er vor fünf Jahren zu S-Broker nach Wiesbaden kam.

Jens stellte zu Beginn des AAiG erst einmal die vielen Ausprägungen von Fintech vor, um einen ersten Überblick über die Vielfältigkeit zu liefern. Das heißt konkret, den „aktuellenStand“ von Fintech zu definieren. Eine große Übersichtsfolie stellt die vielen Einsatzfelder ebenso wie die wichtigen Spieler darin vor. Allerdings pulsiert das Thema Fintech derartig stark, dass solch eine Folie bereits nach kurzer Zeit nicht mehr aktuell ist. Diese Veränderungsgeschwindigkeit bezieht sich sowohl auf die Einsatzfelder als auch auf die Marktteilnehmer, wo es praktisch täglich zu Neugründungen kommt. Daran zeigt sich die enorme Innovationsgeschwindigkeit des Silicon Valley, aber auch der deutschen Start-Up-Szene, die auf die eher langsame Geschwindigkeit der etablierten Marktteilnehmer prallt. Zu den wichtigen Einsatzfeldern wie „Zahlungsverkehr“ (mit dem Platzhirschen Paypal von EBAY), „Anlage“ (z.B. Wikifolio oder die diversen Crowd-Funding-Plattformen), „Peer-to-Peer“ (wobei diese direkte Kreditvermittlung in vielen Ländern, z.B. auch in Deutschland, eine Banklizenz benötigt) oder anderen Banking-Dienstleistungen und dem gesamtem technischen Enabler-Bereich, stellte Jens verschiedene Beispiele vor. 

Als provokativen Denkanstoß gab Jens das Beispiel des Fintech „Robin Hood“ aus den USA vor, das zum Nulltarif Wertpapiertransaktionen anbietet. Durch dieses Geschäftsmodell von Robin Hood verlören perspektivisch alle mehr oder weniger klassischen Wertpapierdienstleister ihre eigene Ertragsquelle und Wettbewerbsfähigkeit. Mit diesem Beispiel leitete Jens perfekt über zu den wichtigsten Kernpunkten von Fintech-Geschäftsmodellen. Dazu zählt als allererstes die Kundenzielgruppe. In der heutigen Zeit stehen hier Faktoren wie „Convenience“ (z.B. bei Paypal), Preissensibilität oder das „digitale Erlebnis“ im Vordergrund. Jens konnte hier auch von seinen Erfahrungen von Besuchen im Silicon Valley, z.B. bei Google, berichten, wo allergrößter Wert auf das graphische Design und die Funktionsweisen von Apps gelegt wird, um den Nutzern ein einzigartiges Erlebnis zu liefern. Das konkrete Produktangebot ist natürlich eine weitere wichtige Säule der Geschäftsmodelle. Besonders kritisch ist aber die Frage der Wertschöpfung. Denn irgendwie muss ja auch „Robin Hood“ Geld verdienen. Hier zeigt sich auch und gerade bei Fintechs, dass statt klassischer Erlösquellen wie Verkaufsprovisionen eben auch die Nutzung von Kundendaten und Kundenprofilen den benötigten Umsatz generieren kann. Diese durch Google hinlänglich bekannte Strategie ist vielversprechend, stößt aber natürlich in vielen Ländern schnell an Datenschutzgrenzen. Allerdings sind hier kleinere Start Ups vermutlich im Vorteil, diese Grenzen großzügiger auszulegen als etablierte Marktteilnehmer wie Banken, wo das Reputationsrisiko nicht zu unterschätzen ist. 

Nach einem kurzen Exkurs zu den weiteren Pfeilern „strategische Kontrolle“, vor allem über starke Algorithmen und auch Markennamen als Schutz vor Kopierern und „Abwicklung/IT/Orga“ (selten der kritische Punkt) standen die Wertschöpfungsthemen und die Reaktionsmöglichkeiten der etablierten Spieler im Rahmen der weiteren und intensiven Diskussion der AAiG-TeilnehmerFintech-Unternehmen haben ihre Stärken in schnellen Innovations- und Umsetzungsgeschwindigkeiten ohne unterstützende Prozessorganisation dahinter. Der Vorteil klassischer Banken ist dagegen das Kundenvertrauen. Natürlich kann auch ein Fintech schnell Kundenvertrauen aufbauen (siehe Paypal), aber das ist zumindest noch nicht die Regel. Aber das Kundenvertrauen etablierter Konzerne kann auch ihrHemmschuh werden, denn die Angst vor dem Reputationsrisiko, gepaart mit starren Denk- und Führungsmuster, bremst viele neue Denk- und Technologieansätze. 

Im weiteren Verlauf war das AAiG von angeregten Nachfragen und Diskussionen geprägtEs wurde aber klar, dass es weder ein Patentrezept für erfolgreiche Fintechs noch für erfolgreiche Reaktionen von klassischen Marktteilnehmern gibt. Nach über zwei Stunden engagierter Debatte konnte der Abend mit weiteren Diskussionen und allgemeinem (AIESEC-) Plausch in der Lobby bei einem Blick auf die Skyline Frankfurts fortgesetzt werden.

Wir danken Jens nochmals ganz herzlich für die Bereitschaft, den 20 Teilnehmern einen sehr informativen Einblick in das Thema Fintech gegeben zu haben.