22 September 2015

Bericht „AIESEC Alumni im Gespräch: Erneuerbare Energien in Afrika“, Frankfurt, 14.09.2015


Die Themen der Reihe „AIESEC Alumni im Gespräch“(AAiG) haben folgende Zielsetzungen, die beide auch zum Fundament der gesamten AIESEC-Idee gehören: „Einblick geben in interessante Berufe“ und/oder „Einblick geben in das Leben in anderen Ländern und Kulturen“.

Beim aktuellen AAiG konnten wir das „und“ voll ausspielen, denn unser Referent Stephan Willms, ehemals im LC Bayreuth und MCP/NCP AIESEC Deutschland 1998/1999, konnte sowohl über das daueraktuelle Thema„Erneuerbare Energien“ als auch über das Leben und Arbeiten in Afrika, genauer gesagt in Äthiopien, aus dem Nähkästchen plaudern. Stephan hat damit beide Aspekte bedient, denn als Director von africa enablers hat er die letzten drei Jahre mit der Planung eines Windparks in Äthiopien verbracht und dort auch mit seiner Familie gelebt.

Zu Beginn stellte Stephan erst einmal Äthiopien vor und ging dabei auf die Geschichte dieses alten Landes, die geographischen Begebenheiten und die aktuelle Situation vor Ort ein. Generell lässt sich jedes afrikanische Land aber nur im Kontext des gesamten Kontinents verstehen. Der Vergleich zu China, das grob die gleiche Bevölkerungsgröße hat, war richtungsweisend zum Verständnis für die Chancen Afrikas. Genauso prägnant war aber auch der weitere Vergleich: während es in China EINE Jurisdiktion gibt, sind es in Afrika 54 (=Anzahl der Länder). Auch wenn China kein einheitliches Land ist, sind in Afrika die schiere Vielfalt an Kulturen und Stämmen sowie die 2000 verschiedenen Sprachen Chance und Risiko zugleich, für Investoren aber vor allem eine große Herausforderung.

Mit dieser Einleitung ging Stephan dann konkret auf seine Arbeit vor Ort ein. Die Initialzündung dafür kam tatsächlich indirekt über AIESEC, denn vor inzwischen neun Jahren kam aus dem großen AIESEC-Alumni-Netzwerk die Anfrage der GIZ in Addis Abeba, ob Stephan sich für ein Projekt im Bereich Business Development interessiere.

Aus diesem ersten Projekt entstand die Idee, in Äthiopien einen Windpark zu entwickeln.

Entgegen der landläufigen Meinung gibt es trotz der Vielfältigkeit Afrikas gerade im Energiesektor bereits grenzübergreifende Strukturen. Insbesondere Äthiopien bemüht sich, die Nachbarländer wie Djibouti, Kenia und den Sudan mit Energie zu versorgen, auch, um gegenseitige Abhängigkeiten zu schaffen und damit für Stabilität in der Region zu sorgen. Die Pläne für ein regionales Leitungsnetz sind bereits weiter entwickelt als z.B. aktuell in Deutschland. Äthiopien ist für diese regionale Vernetzung wegen seiner großen Ressourcen im Bereich der Wasserkraft und Windenergie ein wichtiger Partner in der Region.

Alleine die Art und Weise, wie Stephan und sein Team den Standort des zukünftigen Windparks identifiziert haben, erinnerte alle Anwesenden an eigene AIESEC-Projekt-Erfahrungen: der Tipp, sich die Gegend um Aysha im Nordosten des Landes nahe zur Grenze zu Djibouti anzusehen, kam zufällig über einen Kontakt, der von der Militärzeit seines Vaters in einer undankbaren Gegend berichtete, wo der Wind nie aufhörte zu blasen. Und tatsächlich sind die geographischen und wettertechnischen Bedingungen in dieser Gegend so ideal, dass die Sorge um ausreichend Wind abgelöst wird von der Herausforderung, bei stetigem Wind rund um die Uhr die Windräder überhaupt installieren zu können. Nur zum Vergleich: in Aysha sollten die Windräder rechnerisch 45% der Zeit des Jahres auf voller Kapazität laufen, während in Deutschland 25% schon als guter Spitzenwert betrachtet wird („capacity factor“).

In der Theorie also die perfekten Bedingungen für ein Windenergieprojekt. Allerdings ist gerade in Afrika (und häufig auch in Deutschland!) Theorie nicht gleich Praxis. Im Projektmanagement heißt es, ein Projekt dauere immer 50% länger, als geplant  - auch wenn man die 50% vorher einplant… Stephan beschrieb in eindrücklicher Weise diese Situation, den Bedarf an Geduld und natürlich an Improvisationstalent und interkulturellem Verständnis (und sehr frei nach Otto Waalkes: „da waren sie wieder, die drei Stärken von AIESEC“).

Aufgrund starken Wirtschaftswachstums steigt der Bedarf an (grünem) Strom in Äthiopien seit Jahren und viele der Projekte werden von Chinesen bewältigt, die mittlerweile für einen guten Teil der Investitionen in Äthiopien verantwortlich zeichnen. Die Chinesen, aber auch die Inder und Araber sind eine starke Konkurrenz und Europa muss sich sputen, hier mitzuhalten. Der Windpark ist auch in dieser Hinsicht als Leuchtturmprojekt zu betrachten, stellt er doch ein großes europäisches Engagement in der Region dar.

Nach Stephans Erfahrung ist die fachliche Kompetenz gerade an der Spitze der Ministerien nicht zu unterschätzen, gibt es doch eine große äthiopische Elite mit bester Ausbildung in den USA und anderswo, welche die Minister beraten. So bleibt die Hoffnung auf die Realisation des Windparkprojekts in den kommenden Jahren weiter bestehen.

Zum Abschluss berichtete Stephan auch vom Leben in Addis Abeba und den unglaublichen Veränderungen im Land außerhalb des Energiesektors. Mit Fotos und kleinen Filmen demonstrierte Stephan den massiven Bauboom im Land und besonders in Addis Abeba, der mit seinem jahrelang zweistelligen Wachstum zumindest den deutschen Maßstab deutlich in den Schatten stellt. Es versteht sich von selbst, dass das Leben in Afrika unter diesen Bedingungen sowohl in Bezug auf Verkehr als auch Stromversorgung chaotisch (und sehr spannend) ist.

Im gesamten Verlauf war das AAiG von angeregten Nachfragen und Diskussionen geprägt. Nach zwei Stunden mit engagierter Debatte konnte der Abend mit weiteren Diskussionen und allgemeinem (AIESEC-) Plausch in der Lobby bei einem Blick auf die nächtliche Skyline Frankfurts fortgesetzt werden.

Wir danken Stephan nochmals ganz herzlich für die Bereitschaft, den Teilnehmern einen sehr informativen Einblick in seine Arbeit und Afrika gegeben zu haben!